Waldburg-Zeil Kliniken
Zeit für Patienten. Perspektiven im Job. Weiter denken.
 
 
 
 

ZWEI EXPERTEN, ZWEI MEINUNGEN:

Sind Grenzwerte für Feinstaub und Fahrverbote sinnvoll?

Wangen - Interviews zur Debatte um die Feinstaubgrenzwerte und die Dieselfahrverbote.  
  

Ich bin dagegen, dass man die Grenzwerte aufweicht.

 

Philipp Meyn, Pneumologe
 
Der Pneumologe Philipp Meyn fordert alternative Mobilitätskonzepte
  
  
Welche Bedeutung haben die von Menschen eingeatmeten Schadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide in Ihrer täglichen ärztlichen Praxis?  
  
Dass Luftschadstoffe gesundheitsschädliche Effekte haben ist gut untersucht und wissenschaftlich belegt. Ob Feinstaub oder Stickoxide im Einzelfall die Auslöser von Beschwerden sind, ist jedoch schwer zu beurteilen. Was ich in der täglichen Praxis aber sehe ist, dass Patienten immer empfindlicher reagieren. Schon Kleinigkeiten wie ein Wetterumschwung können viele aus dem Gleichgewicht bringen.  
  
Wie bewerten Sie die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide?  
  
Ich möchte mir eine Bewertung nicht anmaßen. Fakt ist jedoch, dass sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch Länder wie Österreich oder die Schweiz niedrigere Grenzwerte haben als die aktuell in der EU gültigen.  
  
Einige Ihrer Kollegen fordern höhere Grenzwerte. Was sagen Sie dazu?  
  
Ich bin dagegen, dass man die Grenzwerte aufweicht. Damit wäre der Antrieb weg, für sauberere Luft zu sorgen. Doch das muss das Ziel sein. Ich bin sogar dafür, die Grenzwerte noch weiter abzusenken. Im Übrigen vertritt die Gruppe Lungenärzte um Herrn Köhler eine Minderheitsmeinung. Nur rund 100 von insgesamt 4000 Pneumologen in Deutschland haben sein Positionspapier unterzeichnet.  
  
Herr Köhler zweifelt die Studien zu den Gesundheitsgefahren durch Luftschadstoffe an. Gibt es die 600 000 verlorenen Lebensjahre und die 6000 Toten durch zu hohe Stickoxidkonzentrationen nun oder nicht?  
  
In einem Punkt gebe ich Herrn Köhler sogar Recht: Plakative Zahlen zu Toten oder zu verlorenen Lebensjahren aufgrund von Luftverschmutzungen werden der Komplexität der Materie nicht gerecht. Doch das Argument das er bringt, dass es nur einen statistischen nicht aber einen kausalen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Erkrankungen bzw. Todesfällen gibt, stimmt so nicht. Es gibt tausende von Studien zu Luftschadstoffen und ihrem Einfluss auf unsere Gesundheit, und die Verbindung von Feinstaub bzw. Stickoxiden und Lungenerkrankungen ist für mich sehr plausibel.  
  
Noch einmal zurück zu den in die Kritik geratenen Grenzwerten. Machen 41 Mikrogramm Feinstaub oder Stickoxid pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel nun krank oder nicht?  
  
Einen exakten Grenzwert, ab dem die Feinstaub- oder Stickoxidkonzentration mit Sicherheit krankt macht, gibt es nicht. Allerdings wurde bisher auch kein Grenzwert identifiziert, unterhalb dessen die Gesundheitseffekte durch Luftschadstoffe vernachlässigt werden können. Das heißt, dass auch unter den derzeit in Deutschland gültigen Grenzwerten erhebliche Gesundheitseffekte auftreten können. Wenn es um die Gesundheit geht ist es immer eine gute Idee, lieber vorsichtig zu sein und Grenzwerte für Schadstoffe, denen alle Menschen täglich ausgesetzt sind, im Zweifel niedriger anzusetzen. 
 
Was sagen Sie zu dem Argument, dass Raucher, die mit jeder Zigarette ein Vielfaches an Stickoxiden und Feinstaub einatmen, „nach wenigen Monaten alle versterben müssten“ – und da sie das nicht tun, die Studien falsch sein müssten?
  
  
Zunächst einmal stimmt es, dass Raucher mit jeder Zigarette bis zu 500 Mikrogramm Feinstaub inhalieren. Doch handelt es sich dabei um Spitzenbelastungen. Dagegen hat der Körper durchaus Abwehrmechanismen. Eine Dauerbelastung in der Atemluft ist etwas völlig anderes. Wenn Menschen jeden Tag eine bestimmte Menge an Luftschadstoffen einatmen, über Jahrzehnte hinweg, dann führt das nachweisbar zu Folgeerkrankungen, insbesondere bei den Schwächsten in der Gesellschaft, also Kindern, Älteren und vor allem vorgeschädigten Personen.  
  
In Städten wie Stuttgart oder München sind es vor allem die Stickoxidgrenzwerte, die überschritten werden und die nun Diesel-Fahrverbote auslösen bzw. auslösen können. Etliche Ihrer Kollegen argumentieren, dass die dort gemessenen Konzentrationen dieses Reizgases für den menschlichen Körper unbedenklich sind ...  
  
Isoliert betrachtet sind Stickoxide für den menschlichen Körper weniger problematisch als Feinstaub. Allerdings ist es nicht sinnvoll, die Debatte auf Stickoxide zu verengen. Denn diese treten nicht isoliert auf, sondern in einem toxischen Mischmasch aus gesundheitsgefährdenden Substanzen, von dem längst nicht alle an den Messstellen als Indikatoren der Luftqualität gemessen werden.  
  
Was ist Ihr Ratschlag in der aktuellen Grenzwertedebatte?  
  
Sowohl Stickoxide als auch Feinstaub gehören zu den dominanten Risikofaktoren für Erkrankungen der Atemwege und des Herz-Kreislauf-Systems. Und der Verkehr ist, vor allem in den Städten, der Hauptverursacher dieser Luftschadstoffe. Was wir brauchen sind alternative Mobilitätskonzepte und harte Grenzwerte. Bei der aktuellen Debatte um die Höhe der Grenzwerte befürchte ich, dass die Anstrengungen, die Luft sauberer zu bekommen, konterkariert werden.  
  
 

Der Grenzwert ist wahrscheinlich viel zu niedrig angesetzt.

 
Curt Diehm, Gefäßspezialist 
Der Internist Curt Diehm kritisierte eine "Verteufelung des Diesels"
 
  
Welche Bedeutung hat der von Menschen eingeatmete Feinstaub?  
  
Es steht heute außer Zweifel, dass Feinstaub nicht nur die Lunge schädigt. Feinstaub kann in der Lunge eine chronische Entzündungsreaktion verursachen. Besonders ultrafeine Staubpartikel können Gefäßveränderungen hervorrufen und damit Herzinfarkt und Schlaganfall begünstigen.  
  
Wie groß sind dabei die Risiken?  
  
Wir sind weit davon entfernt, die Mechanismen genau zu kennen. Es gibt wenig evidenzbasierte, also als bewiesen geltende Informationen zur Entstehung dieser Lungen- und Gefäßveränderungen. Blutdruckerhöhungen und Erhöhungen der Herzschlagfrequenz sind aber eindeutig nachgewiesen worden.  
  
Wie bewerten Sie die aktuellen Einstufungen?  
  
Der Grenzwert für Feinstaub in Deutschland ist mit 40 Mikrogramm pro Kubikmeter wahrscheinlich viel zu niedrig angesetzt. Für den Menschen schädliche Werte liegen nach meiner Einschätzung ungleich höher. Natürlich ist der Autoverkehr besonders in Innenstädten nicht alleine verantwortlich für die Feinstaubbelastung. Man geht davon aus, dass in Städten rund die Hälfte des freien Staubes von Autos stammt. Mit einem Verbot von Dieselmotoren kann man dieses Problem also nicht lösen.  
  
Welche Folgerungen ziehen Sie?  
  
Seit Langem schon vertrete ich die Meinung, dass unterm Strich beim Diesel die Fokussierung der Diskussion auf den Feinstaub einseitig aufgebauscht und vielfach fehlinterpretiert wird. Für mich grenzt die Verteufelung des Dieselmotors mithilfe medizinischer Argumente inzwischen schon beinahe an Fake News.  
  
Warum solch drastische Wortwahl?  
  
Wenn mutmaßlich bis zu 6000 vorzeitige Todesfälle mit der Stickstoffdioxidexposition assoziiert werden, sind für mich solche Zahlen pseudo-wissenschaftliche Behauptungen. Wie man eine derartige Aussage evidenzbasiert, als unbezweifelbare Tatsache, nachweisen will, bleibt mir ein Rätsel. Wir treiben derzeit die falsche Sau durchs Dorf.  
  
Aber die Probleme der Stickoxidkonzentrationen kann man doch nicht wegdiskutieren?  
  
Eigentlich ist da die Situation ähnlich wie beim Feinstaub. Es gibt praktisch keine evidenzbasierten Daten, schon gar nicht, dass Stickoxid jährlich für Tausende Todesfälle verantwortlich sein soll. Der Grenzwert am Arbeitsplatz in Deutschland liegt im Vergleich dazu bei 950 Mikrogramm. Ein Raucher inhaliert mit einer einzigen Zigarette bereits 1000 Mikrogramm Stickoxid. Bevor man also den Diesel aus der Stadt verbannt, könnte der Gesetzgeber durchaus darüber nachdenken, das Rauchen sofort zu verbieten. In der Schweiz etwa liegt der Grenzwert für Stickoxide am Arbeitsplatz sogar bei 6000 Mikrogramm.  
  
Hat die Belastung mit Stickoxiden nach Ihrer Wahrnehmung in den vergangenen Jahren zugenommen?  
  
Die Stickoxidkonzentration hat noch nicht durchgreifend abgenommen. Trotz Umweltzonen und Luftreinhalteplan. Trotzdem sind die Konzentrationen meiner Einschätzung nach in Städten und in ländlichen Bereichen relativ gering. Generell sind Kamine und Öfen dabei stärkere Luftverpester als die Autos. In Deutschland gibt es über 14 Millionen sogenannter Einzelraumfeuerungsanlagen.  
  
Und wie sieht es mit dem Zigarettenrauch aus?  
  
Inhalatives Rauchen stellt natürlich eine hohe Feinstaubbelastung dar. Man geht davon aus, dass jede Zigarette etwa ein bis zwei Stunden intensiven Abgaskonsums entspricht.  
  
Mit welchen Effekten?  
  
Ich habe das wiederholt in Fachbeiträgen skizziert. Der Grenzwert von Feinstaub in Deutschland beträgt bekanntlich derzeit 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Ein Stuttgarter Bürger, der sein Leben lang ohne Ferien Tag und Nacht am Neckartor verbringen würde und diese Menge täglich einatmet, hätte nach 75 bis 80 Jahren rund zehn bis zwölf Gramm Feinstaub in der Lunge.  
  
Kann man das auf Zigarettenschachteln umrechnen?  
  
Ein Raucher, der eine Packung Zigaretten am Tag raucht, schafft diese Menge bereits in zwei Wochen. Sofern ein Raucher 40 Jahre lang eine Packung täglich raucht, wäre seine Feinstaubkonzentration in der Lunge mit einem immensen Faktor höher als die des Anwohners am Neckartor.  
  
Gibt es direkte wissenschaftliche Vergleiche zu den Autoabgasen?  
  
Ja, im Jahr 2004 wurde ein Artikel im „British Medical Journal“ publiziert, der aufgezeigt hat, dass das Rauchen einer einzigen Zigarette so viel Feinstaub produziert wie ein damals gebräuchlicher Dieselmotor, der einein- halb Stunden läuft. Mit anderen Worten: Die Feinstaubmenge, die Menschen aus Dieselabgasen aufnehmen, dürfte, übers Leben verteilt, eine fast völlig vernachlässigbare Größe sein.  
  
Ist das nicht eine Relativierung der Feinstaubabgase aus den Autos?  
  
Ultrafeinstaub darf nicht verharmlost werden. Die Partikel schädigen nicht nur die Lunge, sondern auch Blutgefäße und sind wahrscheinlich ein Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfälle. Selbst Wachstumsstörungen bei Kindern werden diesen Stäuben angelastet. Bewiesen ist aber nichts. Dabei zeigen die Befunde, dass Partikelfilter bei Dieselautos von größter Wichtigkeit sind. Früher war Feinstaub bei Dieselmotoren ein wesentlich größeres Problem. Durch Einführung von Partikelfiltern sind die Emissionen deutlich gesunken. Auch Tempolimits sind sehr wirkungsvoll.  
  
 
Artikel aus: Schwäbische Zeitung, SEITE DREI, vom Samstag, 02.02.2019, von Redakteur Andreas Knoch  
  
Veröffentlicht am: 06.02.2019  /  News-Bereich: News vom Träger
nach oben
Artikel drucken