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RHEUMATOLOGE EMPFIEHLT: MEDIKAMENTE NICHT EINFACH ABSETZEN

Mit Rheuma besonders coronagefährdet?

Oberammergau – Seit März 2020 hat das Covid-19-Virus die ganze Welt auf den Kopf gestellt. Diese Pandemie lässt weiterhin viele Fragen in der Bevölkerung offen. Gerade in dieser schwierigen Zeit sind auch einige Rheumatiker sehr verunsichert und können nur schwer einschätzen, ob sie wirklich zur Risikogruppe gehören oder nicht. Dr. med. Diethard Kaufmann, Chefarzt der Abteilung für Internistische Rheumatologie in der Klinik Oberammergau klärt auf.
Zählt ein Rheumatiker zur Risikogruppe?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Prinzipiell sind alle chronisch erkrankten Patienten sogenannte Risikopatienten wie z.B. Diabetiker oder Rheumatiker. Ein höheres Risiko besteht allerdings bei den entzündlichen Rheumatikern, da sie sich leichter mit Keimen von außen anstecken können.   
  
Wie verhält es sich mit immundämpfenden Mitteln?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Besonders bei immundämpfenden Mitteln wie z.B. Immunsuppressiva, besteht eine etwas höhere Anfälligkeit für eine Infektion mit Bakterien und Viren, so ist es zumindest in der Theorie. In der Praxis sind alle Menschen natürlich verschieden. Wir wissen noch nicht genau, wer besonders empfänglich ist für das Covid-19-Virus und wer nicht.   
  
Aktuell wird auch eine Veranlagung für solche Infekte als möglicher weiterer Risikofaktor diskutiert, manche Patienten haben schwere Krankheitsverläufe mit dem Virus und manche nur leichte. Aber prinzipiell sind es eher die älteren Menschen, eher Männer als Frauen und besonders die chronisch Erkrankten, die zu schwereren Krankheitsverläufen neigen.   
  
 
Gibt es schon erste Studien zu Rheuma und Corona?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Wir erheben seit einem guten halben Jahr deutschlandweit Daten zu Covid-19 erkrankten Rheumatikern. Rheumapatienten haben bisher zusammengetragene Daten zufolge, kein erhöhtes Risiko sich zu infizieren. Dies ist für unsere Rheumatiker erfreulicherweise ein gutes Ergebnis. Unter den meisten Patienten mit immundämpfenden Medikamenten sehen wir außerdem keine verstärkte Neigung zu schweren Krankheitsverläufen. Das beruhigt uns und unsere Patienten sehr.   
  
Es gibt allerdings Medikamente, bei denen Vorsicht geboten ist. Hierzu gehören Kortisontherapien (ab 10 mg) und Arzneimittel, die die sogenannten B-Zellen angreifen. Patienten, die mit diesen Mitteln behandelt werden, können durchaus schwere Verläufe aufweisen. Jedoch ist die große Gruppe der immundämpfenden Mittel nicht davon betroffen. Hier können wir unseren Rheuma-Patienten Mut zusprechen.   
  
Was empfiehlt die Klink Oberammergau ihren Rheuma-Patienten?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Wenn das Covid-Virus tatsächlich nachgewiesen und mit den typischen Symptomen aktiv ist, sollte unbedingt nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt das Basismedikament abgesetzt bzw. reduziert werden. Auf gar keinen Fall sollte bereits vorbeugend pausiert werden, selbst, wenn man Kontaktperson geworden ist. Das ist wirklich sehr wichtig und zu beachten.   
  
Wie stärke ich als Rheumatiker in dieser schwierigen Zeit am besten meine Abwehrkräfte?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Abwehrkräfte stärken ist bei einer rheumatischen Erkrankung ein zweischneidiges Schwert, da Rheuma eine Überreaktion des Immunsystems hervorruft. Bei der Rheumatherapie wird das bewusst eingedämpft, um den Patienten zu helfen und Schmerzen zu lindern. Generell ist eine unspezifische Stärkung des Immunsystems beim Rheumatiker nicht zu empfehlen.   
  
Ich empfehle aber eine gesunde und vitaminreiche Ernährung. Wichtig ist hierbei, dass der Vitamin D-Spiegel im normalen Bereich sein sollte. Viele benötigen in den Wintermonaten hierfür Unterstützung. Gerade für Rheumatiker ist ein Vitamin-D-Ersatz eine sinnvolle und sehr gute Maßnahme. Weitere Enzympräparate oder andere Vitaminpräparate wie E oder C sind in ihrer Wirkung nicht ausreichend belegt und deshalb pauschal nicht zu empfehlen.   
  
Wie kann ich mich richtig schützen?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Im Prinzip gelten für Rheumatiker die gleichen Empfehlungen wie für Nicht-Rheumatiker. Wir empfehlen die Einhaltung der Hygienevorgaben wie z.B. das Tragen von Mund- und Nasenschutz, Handhygiene und die Distanz zu den Mitmenschen zu wahren.   
  
Es gibt keine gezielten Empfehlungen für Rheumatiker - außer, wenn sie infiziert sind. Dann muss in Rücksprache mit den behandelnden Arzt über ein Pausieren der Medikamente neu entschieden werden.   
  
Haben Sie besondere Empfehlungen?
 
Dr. Diethard Kaufmann: Meine Tipps für Rheumatiker sind, bevor sie jetzt, wo die Fallzahlen ansteigen, vorschnelle Entscheidungen treffen, wie z.B. ihre Medikamente zu pausieren, sollten sie unbedingt vorher Rücksprache mit ihrem behandelnden Arzt halten. In vielen Fällen ist dies nötig. Wichtig ist, keine Hysterie aufkommen zulassen. Die Botschaft aus den aktuellen Befragungen ist, dass Rheumatiker keine stärkeren Krankheitsverläufe haben. Das sollte Mut machen.   
  
Vielen Dank für das Gespräch  
  
Veröffentlicht am: 12.10.2020  /  News-Bereich: Aus unseren Kliniken
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