Waldburg-Zeil Kliniken
Zeit für Patienten. Perspektiven im Job. Weiter denken.
 
 
 
 

50 JAHRE KLINIK OBERAMMERGAU

Ein Betonklotz, den alle lieben

Gerade was die moderne und zweckmäßige Architektur betrifft, hatten die Oberammergauer ursprünglich große Bedenken. Mittlerweile haben selbst die kritischsten Einheimischen die Klinik am Lärchenhügel als große Arbeitgeberin ins Herz geschlossen. Vor 50 Jahren begann die Erfolgsgeschichte.
Oberammergau – Am Anfang war das Chaos. Und mittendrin Roswitha Weixler, heute 67, damals eine junge Frau von 17 Jahren, die viel lieber in einer Arztpraxis in München gearbeitet hätte als in dieser neuen Rheumaklinik, hoch über Oberammergau. Das Chaos hatte damals viele Facetten, erinnert sich Weixler. An ihrem ersten Arbeitstag, 1. Oktober 1971, musste man sich Mühe geben, überhaupt ein Krankenhaus zu erkennen. „Es war eine Baustelle“, sagt die Saulgruberin, die zu der Zeit in Ettal lebte. Weixler und ihre Kolleginnen aus dem Sekretariat waren ausquartiert in die Wohnung der Chefsekretärin. Heute würde man sagen, Homeoffice, wie fortschrittlich.  
  
Damals war das vor allem umständlich– ohne Internet und Computer. Eine Telefonleitung verknüpfte die beiden Welten vor 50 Jahren. Roswitha Weixler, schulterlange blonde Haare, Uhr am Handgelenk, trifft man heute in einem Café in Murnau. Die Zeitreise in die alte Welt findet zwischen Latte Macchiato und Apfelkuchen statt. Mitgebracht hat sie Zeitungsschnipsel, aber das meiste bewahrt sie dann doch im Kopf auf, gut sortiert. Wenn denn eine von den Anfangszeiten der Klinik Oberammergau weiß, dann sie, haben ihre früheren Kollegen gesagt. Als eine der wenigen hat die Ammertalerin praktisch die gesamte Transformation von der Fachklinik für Rheumapatienten zum modernen Zentrum für Rheumatologie, Orthopädie und Schmerztherapie mit erlebt.   
  
 

Traum der Oberammergauer Politik verwirklicht

  
  
Vor drei Jahren ging sie in Ruhestand, aber sie kennt noch immer einen großen Teil der Belegschaft, die sich ja schon immer auch aus dem Ammertal rekrutiert hat. Im Sekretariat, in der Küche, bei der Technik „waren sie aus der Region“, sagt die Saulgruberin. „Die Klinik war schon ein guter Arbeitgeber.“ Die Kollegen von früher treffen sich heute am Rentnerstammtisch. In Pandemiezeiten hat der Austausch nachgelassen, der Stammtisch pausiert. Wer sein Arbeitsleben in der Herzkammer des Gesundheitssystems verbracht hat, lebt mit Vorsicht. Sprung zurück ins Jahr 1971: Als Erstes standen die Patienten-Zimmer. Wegen des Geldes, versteht sich. Am 25. Oktober kamen die ersten Rheumakranken.   
  
„Ganz schwere Fälle, die man heute gar nicht mehr sieht“, erinnert sich Weixler. Deformierte Menschen mit versteiften Wirbelsäulen. „Manche konnten dich nicht anschauen.“ Deshalb kamen sie nach Oberammergau. „Die Ausstattung sucht ihresgleichen im Bundesgebiet“, hieß es damals im Tagblatt. Diesen Ruf – Fundament des heutigen Erfolgs – hütete das Haus wie ein Heiligenbild. Nach einigen Wochen waren alle 300 Betten belegt. Ende November feierte die Rheumaklinik (so hieß sie offiziell) ihre Eröffnung mit Staatssekretär, Minister und Fürst Georg von Waldburg zu Zeil und Trauchburg, dem Investor, der den großen, 40 Jahre alten Traum der Oberammergauer Politik erst ermöglicht hat.  
  
Schon in den 1930er Jahren wabert die Vision eines Kursanatoriums durch den Ort. Der bekannte Panorama-Maler Michael Zeno Diemer hat die Planspielchen künstlerisch ausgefertigt. Sein Bild, zu sehen im Gemeindearchiv, zeigt einen aufgestauten See im Weidmoos sowie ein Sanatorium auf dem Lärchenhügel. Dort erhebt sich heute die Klinik. In regelmäßigen Abständen flackert die Idee vom Kurbetrieb als weiteres Standbein neben Passion, Schnitzkunst und Tourismus auf. Meistens scheitert sie am Geld. 1966 steigt Bürgermeister Ernst Zwink in Gespräche mit dem Fürsten ein, der bereits im Allgäu eine Kuranstalt betreibt. Es wird verhandelt, abgebrochen und wieder verhandelt. Drei Jahre später unterschreibt Georg von Waldburg zu Zeil und Trauchburg. 1971 stehen die Häuser – gesprengt in Felsen, verteufelt vom Naturschutz, misstrauisch beäugt im Ort. Für en vogueundbillig hielten die einen den Bau, die anderen schmähten die Klinik als „Betonklotz, der vielen ein Dorn im Auge war“, wie Weixler sagt. Als Architekt habe man damals gerne in die Höhe und in Kastenform gebaut, erklärt Dr. Martin Arbogast, Sohn eines Architekten. „Die Diskrepanz zwischen Landschaft und nüchternem Bau war beeindruckend“, merkt er süffisant an.  
  
 

Eine Klinik, die nicht renoviert wird, ist tot

  
  
Arbogast ist der dienstälteste Arzt des Hauses. Er empfängt in einem geräumigen Zimmer, an einem Ende hängt ein Abzug der Zugspitze, am anderen spitzt der Kofel, der echte, vordemFenster hervor. Über Oberammergau sagt er: „Ich brauche keine großen Reisen auf die Malediven, ich geh’ auf einen Berg und fühle mich wohl.“ Das ist erstaunlich für einen, der eigentlich nicht geplant hatte, hier zu bleiben. Nach seinem Medizinstudium in Mainz wollte er nach Frankfurt, in die Chirurgie des Nordwest- Krankenhauses. Weil sich das Auswahlverfahren hinauszog (damals, 1988, gab’s tatsächlich so etwas wie einen Ärzteüberschuss), bewarb er sich an mehreren Häusern, auch in Oberammergau. Die Zusage aus Bayern kam schnell, Arbogast entschied sich in wenigen Stunden.   
  
„Es sind oftmals kleine Kurzzeit-Entschlüsse, die einem den Lebensweg ebnen“, sagt er heute. In den vergangenen sechs Jahren ist er häufiger im Rahmen eines Medizineraustauschs nach China gereist, hat an zwei Universitäten eine außerordentliche Professur erhalten und sagt: „Wenn man die versmoggten Städte sieht, freut man sich auf das Oberammergauer Ortsschild.“ Der Mediziner erreicht die Klinik zu einer Zeit, in der der große Umbau begonnen hat. Vorangetrieben von Hans-Jürgen Albrecht, dem Chefarzt, der mit der Klinik und seiner Frau verheiratet war. In dieser Reihenfolge übrigens, sagen diejenigen, die ihn gekannt haben. Und das soll wahrlich nicht böse gemeint sein. Innovativ war Albrecht, genauso dominant und fordernd. „Ein Wirbelwind, wenn der durch die Gänge gelaufen ist“, sagt Weixler, später seine Chef-Sekretärin.   
  
Manche fürchteten den Sturkopf aus dem Norden, weil er Klartext sprach und Höchstleistung verlangte. Doch fast alle schätzten seinen Einsatz für die Mitarbeiter. Albrecht liebte schnelle Autos. „Er ist gefahren wir ein Henker“, sagt die Saulgruberin. Arbogast fügt an: „Ich weiß nicht, wie oft er geblitzt worden ist.“ Seinen Urlaub verbrachte er in der Klinik – er ließ nur die Visiten aus. Albrecht habe die Weichen für das interdisziplinäre Zentrum gesetzt (siehe Kasten), sagt Arbogast. „Die Weichen, auf denen ich die Eisenbahn in einen ICE verwandelt habe“, vergleicht der Chefarzt der Abteilung für Rheumaorthopädie und Handchirurgie.  
  
 

Eine große Leistung der Medizin

  
  
Zwischen 1200 und 1400 operative Eingriffe, von der Schulter bis zum Fuß, verzeichnet die Klinik mittlerweile pro Jahr. Sie setzen alleine hunderte Implantate ein, Knie, Ellbogen, Sprunggelenke. „Wir haben mit zwölf Kniegelenken angefangen“, sagt Arbogast. Wenn er sieht, wie schnell Patienten nach ihrer Operation auf Gehhilfen verzichten, „bin ich berührt, das erfüllt mich“, sagt der Spezialist. Ein Beispiel: Die erste Patientin, die auf einem OP-Tisch in Oberammergau lag, 1989, kommt aus Steingaden und versorgt sich immer noch alleine zuhause. Geschätzte 30 Mal hat der Spezialist sie operiert in 32 Jahren. „Wenn man eine Erkrankung hat, die den ganzen Körger betrifft, und trotzdem das Alter erreichen kann, ist das eine große Leistung der Medizin.“ Die Frau aus Steingaden ist kein Einzelfall. Ein großer Teil des Patientenstamms kommt regelmäßig. Unter ihnen hat sich das Motto verbreitet: „Einmal Oberammergau, immer Oberammergau.“  
  
In den Rheumaligen, in denen sich Betroffene regional vernetzen, geben sie ihre Erfahrungen weiter, werben für die Klinik, die dreimal ihren Namen wechselte und nun Klinik Oberammergau heißt. Albrecht handelte bereits früh ein Abkommen mit der Rheumaliga in Bozen aus und nahm Patienten aus Südtirol auf. An die frühen Albrecht- Jahre (er verabschiedete sich 1996 in den Ruhestand) erinnert heute kaum etwas.   
  
Der Fortschritt hat die Häuser verändert. Früher ähnelten die Räume kleinen Pensionszimmern mit Balkon und Teppichboden, durch die der Charme der 1970er Jahre wehte. „Ich hatte auch jahrelang Teppichboden im Büro – da habe ich jede Milbe persönlich gekannt“, scherzt Arbogast, zuletzt Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädische Rheumatologie. Bei Patientenbesuchen passt gerade ein Arzt in den Raum, der Rest der Visite quetschte sich in den Gang. Praktisch im Zehn-Jahres- Rhythmus wird erweitert, umgebaut, modernisiert. „Eine Klinik, die nicht renoviert wird, ist tot“, sagt Arbogast.   
  
 

Kurkrise zwingt Klinik nicht in die Knie

  
  
Die Millionen dafür gereicht das Fürstenhaus Waldburg- Zeil, das die Klinik auch in Schieflage nicht abstößt. 1996 titelt das Tagblatt: „Der Riese schwankt.“ Die Kurkrise erfasst viele Einrichtungen, die Auslastung erreicht ein beängstigend niedriges Niveau, die Zahlen driften ins Minus ab. In diesen dunklen Tagen in den Jahren 1996 und 1997 muss Weixler Entlassungsgespräche mit Kollegen führen. Sogar ihre Schwester soll sie feuern, bringt sie aber in der Not im Baubüro unter. Ein Jahr später fängt sich die Klinik wieder. Was die Klinik ausmacht? „Die Entwicklung“, sagt sie. „Man war stolz auf die Erfolge und das Gefühl, ,Wir sind wer’. Wir haben uns als Teil des Erfolgs gesehen.“  
  
Dieses subjektive Empfinden drückt sich auch in Zahlen aus: An die 400 Mitarbeiter, 90 Akutbetten, 163 Rehabetten sowie 23 Betten in der Geriatrie zählt Klinikmanager Daniel Nauroth auf, während er auf der Lounge-Ecke in seinem Büro erzählt. Seit September führt der 33-Jährige aus Koblenz die Geschäfte. Der Mann hat Visionen. Es geht ums Vernetzen, und er würde gerne alles mit allem vernetzen. Die Atmosphäre, die Natur mit der medizinischen Versorgung. Die Öffentlichkeit, speziell die Ammertaler, mit der Klinik. Die drei Krankenhäuser des Landkreises untereinander. Die Fachsparten innerhalb des Hauses sowieso. Mit Blick auf das große Angebot, auf die Akutmedizin, die ambulante Struktur, die präventiven Einrichtungen, die Orthopädie, die Geriatrie, das Fitnessangebot, die Kinderklinik, die Hausärzte und einiges mehr, sagt er: „Das hat einen richtigen Charme, eine richtige Wucht.“ Aus medizinischer Sicht, erklärt Arbogast, bestimmen technische Details sowie Medikamente die Zukunft. Etwa 250 Arzneimittel staut es in der Pipeline. Wie sie sich einsetzen lassen, wird zu erforschen sein.  
  
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Artikel aus Garmischer Tagblatt v. 03.12.2021; PDF-Version ca. 600 KB 
  
  
  
  
Veröffentlicht am: 09.12.2021  /  News-Bereich: Aus unseren Kliniken
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