Binge-Eating
Essen ohne Kontrolle
Die Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung und schadet Körper und Geist. Psychologe Jan Blaschko von der Argentalklinik in Isny-Neutrauchburg erklärt, wie diese Krankheit entsteht und wie sie erfolgreich behandelt werden kann.
Jeder Mensch muss essen. Ab wann wird es problematisch?
Wenn Essanfälle wiederholt und unkontrollierbar auftreten und mit erheblichem Leidensdruck im Alltag einhergehen. Von einer Essstörung spricht man, wenn das Essverhalten dauerhaft aus dem Gleichgewicht gerät, primär emotionale Funktionen erfüllt und Betroffene das Gefühl haben, die Kontrolle über ihr Essverhalten zu verlieren.
Was sind Binge-Eating und Overeating im Vergleich zu Magersucht und Bulimie?
Bei der Binge-Eating-Störung werden in kurzer Zeit große Mengen gegessen, begleitet von einem Gefühl des Kontrollverlusts. Anschließend erleben Betroffene Scham, Ekel oder Schuldgefühle. Aber sie erbrechen und fasten nicht systematisch nach den Anfällen, wie es bei der Bulimie der Fall ist, benutzen keine Abführmittel und treiben nicht exzessiv Sport. Overeating meint ein häufiges Überessen ohne ausgeprägten Kontrollverlust, was sich aber zu einer Binge-Eating-Störung entwickeln kann. Bei Anorexie, also Magersucht, stehen Gewichtsabnahme und Körperschemastörungen im Vordergrund. Dagegen sind Binge-Eating-Betroffene meist normal- oder übergewichtig. Ihr Körperbild ist oft von Unzufriedenheit geprägt, aber nicht zwangsläufig verzerrt wie bei Magersucht und Bulimie.



Wie verbreitet sind diese Essstörungen?
Binge-Eating ist die häufigste Essstörung. Schätzungen zufolge erkranken etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung daran, Frauen häufiger als Männer. Bulimie betrifft etwa 1 Prozent und Anorexie rund 0,3 Prozent der Bevölkerung. Bei übergewichtigen Menschen liegt die Häufigkeit von Binge-Eating mit zehn bis 25 Prozent deutlich höher. Overeating im Sinne häufigen Überessens ohne Kontrollverlust ist wesentlich verbreiteter, stellt aber nicht zwangsläufig eine psychische Störung dar.
Wie entsteht Binge-Eating?
Es ist ein komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Unter anderem spielen Perfektionismus, geringes Selbstwertgefühl, Schönheitsideale und frühe Erfahrungen von Ablehnung oder Traumata eine Rolle. Oft entsteht ein Teufelskreis: Restriktives Diätverhalten führt zu Heißhunger, dieser zu Essanfällen, die wiederum Scham und Selbstabwertung auslösen – was den nächsten Anfall begünstigt.
Wie wirkt sich Binge-Eating auf die Gesundheit aus?
Psychisch leiden Betroffene häufig unter Scham, Schuldgefühlen, depressiven Symptomen, Angststörungen und einer deutlichen Einschränkung des Selbstwertgefühls. Viele vermeiden soziale Situationen aus Angst, beim Essen negativ aufzufallen. Körperlich ist Binge-Eating eng mit Adipositas, metabolischem Syndrom, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Fettleber assoziiert. Auch das Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen steigt.
Wie wird Binge-Eating behandelt?
Die kognitive Verhaltenstherapie hilft, Essanfälle zu reduzieren, Auslöser zu erkennen und den Umgang mit Emotionen sowie den Körperbezug zu verbessern. Auch interpersonelle Psychotherapie und achtsamkeitsbasierte Verfahren können helfen. In schweren Fällen kann eine Kombination aus Psychotherapie, Ernährungsberatung und medikamentöser Unterstützung sinnvoll sein. Ambulant braucht es meist 20 bis 40 Sitzungen, bei chronischem Verlauf auch länger. Rund 60 bis 70 Prozent der Betroffenen geht es danach besser.
Wie können Angehörige sowie Freundinnen und Freunde unterstützen?
Das Wichtigste ist: Verständnis statt Bewertung. Empathisch zuhören und das Thema nicht tabuisieren, aber auch keine Essenskontrolle ausüben. Angehörige können ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, und im Alltag Rückhalt und emotionale Stabilität bieten. Auch Angehörigenberatungen oder Selbsthilfegruppen können entlastend sein.
Wie kann Binge-Eating vorgebeugt werden?
Mit einem entspannten, achtsamen Umgang mit Essen und Körper: keine rigiden Diäten, keine Verbote. Lieber das eigene Hunger- und Sättigungsgefühl wahrnehmen und respektieren. Ein gesundes Essverhalten ist flexibel, genussorientiert und nicht von Schuldgefühlen begleitet. Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen können vorbeugen, indem sie ein positives Körperbild fördern, Übergewicht nicht stigmatisieren und emotionale Ausdrucksfähigkeit stärken. Auch der bewusste Umgang mit medialen Schönheitsidealen spielt eine zentrale Rolle.