Die Darm-Hirn-Achse
Wie der Darm zu unserem seelischen Befinden beiträgt
Lange galt das Gehirn als das zentrale Organ für die Regulierung des psychischen Befindens. Ein Trugschluss, sagt Christopher Berghoff von der Klinik Schwabenland in Isny-Neutrauchburg. Der Darm ist auch wichtig.
Tief im Körper gelegen und durch seine Funktion als Verdauungsorgan vor allem mit Ausscheidungen assoziiert, fristete der Darm noch bis vor einigen Jahren ein Schattendasein unter den Organen. „Die medizinische Forschung hat sich nicht sehr für ihn interessiert“, sagt Christopher Berghoff, psychologischer Psychotherapeut und Diplom-Gerontologe in der Klinik Schwabenland in Isny-Neutrauchburg. „Das hat sich stark gewandelt.“ Immer mehr internationale Studien untersuchen inzwischen, was der Darm, der ein eigenes Nervensystem in Form eines Nervengeflechts hat, für die Gesundheit des Menschen bedeutet. Inzwischen gibt es einige Bücher, darunter Bestseller. „Man versteht heute, wie wichtig der Darm für das gesamte Wohlbefinden des Menschen ist.“



Grund dafür ist das sogenannte Mikrobiom. Es sitzt zu 99 Prozent im Darm, vor allem an der Innenwand des Dickdarms. Das Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen im menschlichen Körper, also zum Beispiel aller Bakterien, Viren und Pilze. Anderthalb bis zwei Kilogramm wiegt es, das ist mehr als ein menschliches Gehirn. „Das Mikrobiom ist kein Leichtgewicht – und das im doppelten Sinn“, sagt Christopher Berghoff. Es hilft, Entzündungen im Körper zu vermeiden, und ist somit wichtig für die Immunabwehr. Das Mikrobiom unterstützt die Verdauung. Es hat aber auch Einfluss auf unsere Stimmung, produziert Vitamine und Hormone, darunter Oxytocin, auch bekannt als „Kuschelhormon“. Auch 95 Prozent des Serotonins, also des Botenstoffes, der unter anderem die Stimmung reguliert, werden vom Mikrobiom produziert.
Aber wie nehmen wir diese Stimmungsveränderungen wahr? Wie gelangen sie ins Hirn? „Der Darm kommuniziert regelmäßig mit dem Gehirn über den Nervus vagus, den ‚umherschweifenden‘ oder ‚wandernden‘ Nerv“, sagt Christopher Berghoff. Er ist einer der längsten Nerven des menschlichen Körpers und der Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems. Damit ist jener Teil des Nervensystems gemeint, der für Ruhe und Entspannung sorgt und die Verdauung reguliert. Der Nervus vagus verläuft vom Gehirn über den Hals in den Brust- und Bauchbereich, von dort weiter zu Herz, Magen und hinunter bis zum Darm. Man kann ihn sich wie eine Autobahn zum Darm vorstellen oder auch als Darm-Hirn-Achse. Rund 80 Prozent der Informationen auf dieser Autobahn fließen laut Christopher Berghoff vom Darm hinauf in Richtung Gehirn. Der Darm gibt regelmäßige Zustandsbeschreibungen durch: Ist er voll und muss entleert werden? Gibt es ein Unwohlsein? Ist das Mikrobiom gut, also vielfältig und überwiegend aus „guten“ Bakterien bestehend, oder gibt es einen Mangel an Vitaminen oder Hormonen? Alle 40 Sekunden macht sich die Insula, eine Region im Gehirn, ein Bild vom Zustand des gesamten Körpers inklusive des Darms. Das Gehirn kann dann entsprechend reagieren.
Gehirn meldet Gefühl, Darm steuert gegen
Bei den rund 20 Prozent der Informationen, die in der entgegengesetzten Richtung verlaufen, also vom Gehirn zum Darm, stehen meist Gefühle im Vordergrund. Fühlt man sich traurig, aufgeregt oder wütend, leitet das Gehirn diese Empfindungen an den Darm weiter. Die Folgen können unter anderem Durchfall, Verstopfung oder Übelkeit sein. Der Darm kann aber auch gegensteuern. Er kann beispielsweise Serotonin produzieren, um die Stimmung zu verbessern. Für die Wissenschaft ist die Wechselwirkung zwischen Darm und Gehirn eine bahnbrechende Erkenntnis. „Wenn man sich psychisch nicht gut fühlt und zum Beispiel angespannt ist, schreibt man das häufig äußeren Umständen zu“, sagt Christopher Berghoff. „Man könnte den Blick aber auch wenden, sich fragen, ob zum Beispiel etwas mit dem Darm nicht in Ordnung ist.“ Er selbst habe das Gehirn früher als das zentrale Organ für das seelische Befinden, also zum Beispiel das Denken und das Fühlen, bezeichnet. Heute sieht er das in dieser Absolutheit nicht mehr so. „Der Darm bestimmt in einem nicht unbeträchtlichen Maße, wie wir uns fühlen“, sagt Christopher Berghoff. „Er produziert beispielsweise sehr viel mehr Serotonin als das Gehirn.“ Was aber heißt das für die medizinische Praxis? Wie lassen sich die Erkenntnisse konkret umsetzen? Erste Studien legen nahe, dass sich bestimmte Probiotika, eingenommen über mehrere Wochen in Form von Dragees, positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken können, sagt Christopher Berghoff. Probiotika gebe es schon länger, Studien dazu aber seien relativ neu. Die Probiotika könnten demnach depressive Verstimmungen, aber auch Gefühle wie Wut und Angst, ständiges Grübeln, das Stresshormonlevel oder das subjektive Erleben von Stress reduzieren. Die Mikroorganismen wirkten dabei positiv auf das Mikrobiom. Dieses produziere dadurch mehr Vitamine und Hormone – was sich wiederum positiv auf das Gehirn auswirke.
Probiotika anstelle von Antidepressiva?
Die Forschung stehe aber noch am Anfang. Deshalb würden behandelnde Ärztinnen und Ärzte anscheinend noch vorsichtig damit sein, Probiotika zu verabreichen. „Sollten sich die positiven Ergebnisse auch in weiteren Studien zeigen, könnte das ein Weg für die Zukunft sein“, sagt Christopher Berghoff. „Dann wäre es beispielsweise denkbar, dass Probiotika eines Tages eine Alternative zu klassischen Antidepressiva sein könnten.“ Die Forschung gehe inzwischen auch vermehrt der Frage nach, welche Rolle das Mikrobiom bei neurologischen Krankheiten wie Multipler Sklerose, Parkinson oder Alzheimer spielt. „Man sieht bei diesen Krankheiten ein verändertes, zum Beispiel zu wenig vielfältiges Mikrobiom, und fragt sich, ob es ein Teil der Ursache dieser Krankheiten sein könnte“, sagt Christopher Berghoff. „Aber es gibt auch die Vermutung, dass das veränderte Mikrobiom die Widerstandskraft der Menschen gegenüber diesen Krankheiten senkt. Was beispielsweise bedeutet, dass sie weniger widerstandsfähig gegenüber den eigenen Genen sein könnten.“



Aber auch im privaten Bereich kann man über den Darm das psychische Wohlbefinden beeinflussen. „Das Mikrobiom wird bei bestimmten Aktivitäten angeregt, Serotonin zu produzieren und auszuschütten und Vitamine herzustellen“, sagt Christopher Berghoff. Das kann über soziale Aktivitäten geschehen, also Freundinnen und Freunde treffen oder gute Gespräche führen. Es geht über moderate Bewegung. Über Aktivitäten wie das „Waldbaden“ – wenn man also die Natur mit allen Sinnen erlebt, ohne wie beim Wandern im Wald ein Ziel zu haben. Die regelmäßige Anwendung von Entspannungsverfahren wie etwa Achtsamkeitsübungen unterstützt das Mikrobiom ebenfalls. Und auch eine ballaststoffreiche Ernährung hat einen positiven Einfluss: viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Nüsse, dafür wenig Zucker und wenig Fett. Interessant ist die Wechselwirkung, die dabei besteht. „Menschen, die aktiv sind und sich ausgewogen ernähren, haben in der Regel ein besseres Mikrobiom“, sagt Christopher Berghoff. „Ein besseres Mikrobiom wiederum fördert das Wohlbefinden – und kann dazu führen, dass man aktiv ist und sich gesund ernährt.“ Eine Win-win-Situation.