Gender-Medizin
„Geschlechtersensible Medizin erlebt einen Fortschritt“
Männer und Frauen unterscheiden sich in Entstehung, Diagnostik und Behandlung von Krankheiten. Wie sich die geschlechtersensible Medizin derzeit wandelt, kommentiert Prof. Dr. Sabine Oertelt-Prigione.
Bis in die 80er-Jahre ist die Forschung davon ausgegangen, dass sich Körper – abgesehen von den Geschlechtsorganen – kaum unterscheiden. Die Medizin ließ Unterschiede außen vor und orientierte sich am „Standardmann“. Erst in den 90er-Jahren zeigte sich, dass Symptomatik und Therapie auch bei Erkrankungen, die Organe wie das Herz betreffen, zwischen Männern und Frauen verschieden sein können. Das leitete die moderne geschlechtersensible Medizin ein. Frauen waren bis in die 60er- und 70er-Jahre sogar aus klinischen Studien ausgeschlossen: Nach dem Skandal um das Arzneimittel Contergan und dessen Auswirkungen auf ungeborene Kinder ging man davon aus, dass jedes Mittel für Embryonen beziehungsweise Föten schädigend sein könnte. Ende der 90er-Jahre zeigte sich allerdings: Bei vielen Arzneimitteln, die nur an Männern getestet wurden, entwickelten Frauen viel mehr Nebenwirkungen. Daraufhin wurden Frauen in klinischen Studien wieder aufgenommen. Gleichzeitig bewiesen in den 90er-Jahren vor allem große Studien aus den USA über Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dass Frauen verspätete Diagnosen von Herzinfarkten erhielten und aufgrund dieser verzerrten Diagnosen häufiger verstarben als erwartet.
Gekoppelt an Forschungsförderung
Die geschlechtersensible Medizin ist in den vergangenen zehn Jahren stärker thematisiert worden, weil auch Forschungsförderer häufiger verlangten, dass Geschlechteraspekte berücksichtigt werden. Sie wurde zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema und gewann medial an Präsenz. Auch Corona hat dazu beigetragen, weil Männer anfangs oft schwerere Verläufe hatten als Frauen. Aktuell erleben wir also einen Fortschritt und einen relativ starken Fokus auf Frauengesundheit als Teil der geschlechtersensiblen Medizin. Die Frage ist, wie sich das mittel- und langfristig weiterentwickelt.
Die Pharmaindustrie folgt einer kommerziellen Logik und hat andere Prioritäten als die öffentlich geförderte Forschung. Dennoch hat sie das Thema auch für sich entdeckt. Dies hat einerseits damit zu tun, dass manche Arzneimittel potenziell unterschiedlich bei Männern und Frauen wirken können, und andererseits damit, dass in einigen Bereichen, wie zum Beispiel bei menopausalen Beschwerden, bisher sehr wenige Medikamente zur Verfügung stehen.
Am meisten hinkt eine strukturierte klinische Umsetzung hinterher, bezogen auf die Frage, was eigentlich geschlechtersensible Versorgung bedeutet. Spezifische Kliniken wie Frauenherzzentren sind sicher ein guter erster Ansatz. Aber was bedeutet geschlechtersensible Versorgung durchgehend und systematisch, um auch voneinander zu lernen? Daran müssen wir noch arbeiten.