Neurodivergenz

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Der lange Weg zur Diagnose

ADHS und Autismus sind Formen der Neurodivergenz, bei der die Gehirnfunktionen von dem abweichen, was als „normal“ gilt. Wie finden Erwachsene heraus, dass sie betroffen sind?

Der Student Rometh Umic-Senol erinnert sich gut an den Tag im April 2024, als er von seiner Diagnose erfuhr: ADHS. Es war für den damals 23-Jährigen aus Stuttgart eine Erleichterung und eine Erlösung. „Mir sind beinahe die Tränen gekommen, weil ich mich oft selbst fertiggemacht hatte und unter Selbsthass litt. Man bekommt von außen wenig Verständnis für Symptome, die ich auch selbst an mir erdulden musste. Seit der Diagnose empfinde ich mehr Freude und komme mit dem Studium klar – alles Dinge, die ich schon abgeschrieben hatte.“ Vieles, was er lange für nachteilige Charaktereigenschaften hielt, erwies sich als typisch für ADHS: permanente Niedergeschlagenheit, schlechte Konzentration, wenig Disziplin, Antriebslosigkeit. „Ich hatte oft innere Widerstände, Dinge anzufangen, und dachte, ich sei faul. Gleichzeitig litt ich unter innerer Unruhe und konnte nie entspannen.“ Er wurde immer träger, zog sich aus sozialen Situationen zurück und fühlte sich reizüberflutet.

Hellhörig wurde Rometh Umic-Senol, als er auf Social Media zufällig mit ADHS konfrontiert wurde, obwohl er bis dahin dachte, ADHS betreffe nur Hyperaktive. „Ich habe auf Tiktok Informationen über ADHS gesehen, die zu meinem Zustand gepasst haben. Rückblickend hat vieles Sinn ergeben, wie ich mich schon als Kind erlebt habe: Ich war zwar gut in der Schule, habe aber auch viel vergessen, und meine Gedanken liefen im Kreis.“ ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung und bezeichnet eine Verhaltensstörung von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen mit Auffälligkeiten in drei Kernbereichen: starke Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, starke Impulsivität und ausgeprägte körperliche Unruhe, also Hyperaktivität. Laut dem Diagnostiksystem für psychische Störungen sind etwa 2,5 Prozent der erwachsenen Allgemeinbevölkerung von der Krankheit betroffen. 

Der Weg zur Diagnose ist oft lang und zäh, auch bei Rometh Umic-Senol. Weil er ein halbes Jahr keine Zusage bekam und nicht mehr warten wollte, entschloss er sich als gesetzlich Versicherter, eine privat finanzierte Diagnosestellung für 500 Euro in Bonn in Anspruch zu nehmen. Sie bestand aus einem vierstündigen Onlinetest und Gesprächen. Einen Bluttest, um andere Mängel auszuschließen, machte er beim Hausarzt. Mit solchen Leidensgeschichten kennt sich Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz aus. Die Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie mit Praxen in Aschaffenburg und München hat schon vor 25 Jahren ein Buch über ADHS geschrieben. „Das ist die einzige Diagnose, bei der betroffene Erwachsene oft lachen und weinen gleichzeitig, weil sie erleichtert sind, dass ihr Leid endlich einen Namen hat. Erst seit etwa 20 Jahren erkennt man, wenn ADHS der Grund für Depressionen, Angst oder Suchtstörungen ist.“

Diagnose von Fachärzten – auch online 

Obgleich die Fachärztin lieber persönlich diagnostiziert, seien Onlinediagnosen heutzutage gängige Praxis: „Es gibt zu wenig Fachärzte, die sich damit auskennen und die richtigen Fragen stellen. Sie müssen nachweisen, dass sich die Symptome wie Vergesslichkeit, Sprunghaftigkeit, Chaos, Konzentrations- und Motivationsstörung wie ein deutlicher roter Faden durchs Leben ziehen.“ Bei Kindern seien Eltern und Lehrer gründlich zu befragen, bei Erwachsenen sei vieles am Lebenslauf gut sichtbar. Denn ADHS entstehe nicht etwa durch Kindheitserfahrungen oder Traumata und unverarbeitete Konflikte. Es habe auch niemand etwas falsch gemacht, weder Betroffene noch deren Eltern. Grund sei stattdessen ein zu schneller Abbau des Gehirnbotenstoffs Dopamin – und der ist meist erblich. Diesen Botenstoff gilt es durch bestimmte Medikamente wie Ritalin oder Dexamfetamin zu erhöhen. „30 bis 40 Prozent meiner Patientinnen und Patienten kommen allein mit der Medikation gut zurecht. Die anderen profitieren zusätzlich von Coaching oder Verhaltenstherapie.“ Wie Autismus, Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung), Dyskalkulie (Rechenschwäche), Hochsensibilität und das Tourettesyndrom zählt ADHS zur Vielfalt der Denk- und Wahrnehmungsweisen, der Neurodivergenz: eine neurologische Variation, bei der die kognitiven Gehirnfunktionen von dem abweichen, was als „normal“ gilt. Das Konzept der Neurodiversität betrachtet diese Unterschiede als Teil der natürlichen genetischen Vielfalt und nicht als Krankheit. Dabei kommt ADHS laut Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz am häufigsten vor und betreffe etwa 2,5 bis 4 Prozent der Bevölkerung Mitteleuropas, von Autismus ist etwa 1 Prozent betroffen. „ADHS ist keine Modeerkrankung, aber je schneller unsere Welt wird und je mehr Multitasking verlangt wird, je weniger Bewegung und je mehr Social Media, desto stärker können sich die ADHS-typischen Probleme zeigen.“

ADHS, Autismus, Tourettesyndrom sind angeborene Erkrankungen, die in der neuen internationalen Klassifikation von Erkrankungen nun als Strukturerkrankungen verstanden werden. Das bedeutet, dass sie ein Leben lang bestehen bleiben und nicht wegzutherapieren sind. „Es geht für Betroffene darum, einen guten Weg damit zu finden und Strategien zu erlernen, mit denen die Symptome vermindert werden können“, sagt Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz. „Zusätzlich entwickeln mehr als 80 Prozent der ADHS- und Autismus-Patientinnen und -Patienten weitere seelische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Süchte.“ Typisch für ADHS sind neben Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie ausgeprägten Stimmungsschwankungen auch Schwierigkeiten mit Routineaufgaben. „Betroffene haben ein Problem mit der Selbststeuerung, sind schnell begeistert oder das extreme Gegenteil“, sagt die Expertin. „Sie fühlen sich schnell angegriffen, verletzt und bedroht, können bei Hektik überreagieren, schlecht Ordnung halten und Prioritäten setzen. Daraus können sich Selbstzweifel entwickeln, und Betroffene sind oft auch sehr angespannt, weil sie sich ständig zusammenreißen müssen.“

Autismus in Kombination mit ADHS 

Autismus hat eine noch höhere Erblichkeit als ADHS. „Betroffene sind schnell gestresst von sozialer Interaktion, lieben Routinen und Rituale und können sich schwer in andere einfühlen. Sie können auch sehr empfindlich auf Geräusche oder Berührungen reagieren oder manche Lebensmittel nicht essen, weil sie die Beschaffenheit dieser Nahrungsmittel nicht ertragen. Für Menschen mit Autismus ist es oft schwierig, Veränderungen zu akzeptieren.“ Etwa jeder zweite Mensch mit Autismus habe zusätzlich ADHS. Rometh Umic-Senol wurde für seine ADHS eine Kombination aus medikamentöser Therapie und Psychotherapie empfohlen. Doch ihm reiche das Medikament. „Plötzlich haben viele Dinge Platz in meinem Kopf. Jetzt habe ich einen normalen Tagesablauf, bin abends müde, mein Leben hat sich stabilisiert. Meine sozialen Beziehungen funktionieren besser, ich bin wieder offener und sabotiere mich nicht mehr.“ Der Student aus Stuttgart geht nun wieder seinen Hobbys nach: Gitarrespielen, Zeichnen, Laufen und Fitnesstraining. „Ich habe neue Menschen kennengelernt, treibe wieder Sport mit Freunden und schaue, was ich alles machen könnte.“