Körper und Geist im Gleichgewicht
Bewegungskunst Qigong gegen Dauerstress
Viele Menschen erleben ihren Alltag als Dauerstress. Die chinesische Bewegungskunst Qigong kann helfen, sie wieder in ihre Mitte zu bringen – mit Natürlichkeit im Außen und der richtigen inneren Einstellung im Hier und Jetzt.
Tiere können nach aufreibenden Momenten, etwa bei der Jagd, schnell wieder herunterfahren. Vielen Menschen fällt es dagegen schwer, abzuschalten – auch in vermeintlichen Ruhephasen. Sie sind dauerhaft im Überlebensmodus. Dabei kommt es zu einem erhöhten Energiebedarf, der auf Dauer zu viel Qi, also Lebensenergie, verbraucht. Die Folgen reichen bis zu Depressionen und Burn-out. Eine mögliche Kur dieser Zivilisationskrankheiten ist mehrere Tausend Jahre alt: die chinesische Bewegungskunst Qigong, Teil der traditionellen chinesischen Medizin. „Im Zentrum von Qigong steht die Wahrnehmung des Menschen als fließendes Energiesystem“, sagt Frank Renner, Sporttherapeut am Therapeutischen Bewegungszentrum der Waldburg-Zeil Kliniken in Isny-Neutrauchburg. „Wenn wir im Fluss des Lebens sind, von Freude bis Trauer, fließt auch die Energie. Wenn wir hingegen grübeln, gerät die Energie ins Stocken, es kommt zu Blockaden.“



Im Gegensatz zu Tai-Chi, das ursprünglich eine Kampfkunst war, stehen bei Qigong kürzere, leicht auszuführende Bewegungen im Vordergrund. Im Gegensatz zu Yoga wiederum geht es bei Qigong nicht darum, auch an die Grenzen zu gehen, etwa durch minutenlanges Dehnen. Ziel ist es vielmehr, die innere Mitte zu finden. Qigong soll den Energiefluss stetig am Laufen halten. In der Praxis heißt das: Spürt man beim Ausführen der sanften Bewegungen Blockaden, werden die Übungen wiederholt – bis die Blockaden sich lösen und die Energie wieder fließt. „Dabei ist es wichtig, den Körper so zu bewegen, wie die Natur es vorgesehen hat“, sagt Frank Renner. Und das mit einem klaren Geist. „Wir müssen die Bewegungen richtig spüren können. Das geht nur mit einem wachen, nicht wertenden Bewusstsein.“ Im Therapeutischen Bewegungszentrum wird Qigong in der Reha angeboten, als freiwillige Ergänzung zur herkömmlichen Therapie. „Qigong ist gut dafür geeignet“, sagt Frank Renner, „denn es unterstützt die Selbstheilung.“
Aber auch im Alltag kann Qigong heilsam sein. Und das für jede und jeden. „Selbst Menschen, die bettlägerig sind, können einen Teil der Übungen machen“, sagt Frank Renner. Er empfiehlt, täglich zu üben; am besten gleich früh am Morgen. Ob zehn, zwanzig oder vierzig Minuten – das sei jeder und jedem freigestellt. „Das Credo lautet: Nicht Mühe geben, sondern mit Natürlichkeit in Bewegung kommen“, sagt der Sporttherapeut. „Alles, was leicht ist, ist natürlich. Alles, was natürlich ist, gleicht aus und harmonisiert.“
Selbstmassage
Auf den Boden oder auf einen Hocker setzen. Die Hände zum Zangengriff formen (alle Finger stehen dem Daumen gegenüber) und damit das Schienbein umfassen. Dabei liegen die Finger oben, knapp neben dem Knochen; der Daumen liegt auf der Innenseite. Jetzt die Hand ein bis zwei Minuten lang am Schienbein hoch- und runterbewegen. Die dahinterliegende Idee: Die Massage reguliert den Magen- und Milzmeridian, also den Energiekanal beider Organe, und kann Verdauungsprobleme lindern. Die Beine können gleichzeitig oder nacheinander massiert werden.



Atemübung
Auf die vordere Kante eines Stuhls setzen, aufrecht, ohne sich anzulehnen. Die Füße ruhen gerade auf dem Boden. Die Hände übereinanderlegen, sodass die Grundgelenke der Daumen auf dem Bauchnabel liegen. Eine gerade Linie zwischen den Händen und einem Punkt an der Wirbelsäule imaginieren. Der Atmung folgen und sich vorstellen, dass man durch die Hände ausatmet. Die dahinterliegende Idee: Der Körper atmet Altes, Verbrauchtes aus und Neues, Frisches ein.



Übung in Bewegung
Eine entspannte, aufrechte Haltung einnehmen; die Füße parallel, den Blick geweitet und nicht fokussiert. Mit dem Einatmen etwas steigen (größer werden), mit dem Ausatmen sinken (wenige Zentimeter kleiner werden). Mit dem Steigen die Arme vor dem Körper entspannt, leicht gerundet nach oben schweben lassen. Mit dem Sinken die Arme wie auf Wolken gebettet nach unten sinken lassen. Alles mit einer ergebnisoffenen inneren Haltung und bewusster Wahrnehmung. Die dahinterliegende Idee: Die Übung stimuliert unter anderem den Nieren- und Blasenmeridian. Das kann uns helfen, Stresshormone abzubauen.





