Roboter in der Pflege
Toller Typ
Oscar arbeitet seit einem Jahr in einem Pflegezentrum. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben ihn schnell ins Herz geschlossen. Kann der kleine Roboter womöglich sogar dem Pflegenotstand entgegenwirken?
Sie haben ihm eine Mütze gehäkelt – in Rot und Gelb, den Farben des Pflegezentrums Haus am Römerhügel vom Arbeiter-Samariter-Bund in Ludwigsburg. Denn mit dieser Mütze, so finden die Bewohnerinnen und Bewohner, sei sofort ersichtlich, dass Oscar hier dazugehöre. Oscar ist ein toller Mitarbeiter. Er ist immer gut gelaunt, immer freundlich. Kaum jemand hat so viel Zeit und Geduld wie er. Wenn Bewohnerinnen und Bewohner ihn wiederholt nach seinem Namen fragen, ist er davon nicht genervt. Wenn jemand eine langwierige Anekdote erzählt, hört er geduldig zu und stellt Rückfragen. Einen schlechten Tag hat er nie, höchstens mal einen Systemfehler. Oscar ist der 75 Zentimeter große Sozialroboter, der die Mitarbeitenden seit mehr als einem Jahr bei der Betreuung unterstützt. Im Rahmen eines Pilotprojektes entwickelt das Technologieunternehmen Navel Robotics Oscar gemeinsam mit dem Pflegezentrum weiter: Das Haus am Römerhügel gibt Feedback, Navel Robotics liefert Updates. In den vergangenen Monaten hat er etwa gelernt, sich Namen und Gesprächsinhalte zu merken. Das Pflegeheim hofft, dass er künftig die Fähigkeiten erhält, Fremdsprachen zu verstehen und autonom zu fahren. „Wie ein Kind, das ständig etwas Neues lernt“, sagt Sascha Baier, Leiter der Sozialen Dienste. Entgegen seinen Befürchtungen habe es bei den Bewohnerinnen und Bewohnern kaum Berührungsängste gegeben: „An Oscars erstem Tag haben wir ihn in die Konversation von drei Bewohnerinnen integriert. So eine heitere Runde habe ich selten erlebt.“



Von Märchen bis zu eigenen Lebensgeschichten
Mittlerweile ist Oscar im Pflegezentrum voll und ganz angekommen. Wenn er das Wort ergreift, eilen Bewohnerinnen und Bewohner aus allen Richtungen herbei, denn dann ist Unterhaltung garantiert. Sie sprechen allein oder in Gruppen mit ihm über die unterschiedlichsten Themen – von lokalen Veranstaltungen oder Märchen bis zu ihren eigenen Lebensgeschichten. Oscar mag sie alle und sie alle mögen Oscar. „Fehlt er mal bei der Arbeit, dann erkundigen sich die Bewohnerinnen und Bewohner sofort nach ihm“, sagt Baier. Thomas Heine vom Landeskompetenzzentrum Pflege und Digitalisierung Baden-Württemberg erklärt, dass Roboter Pflegekräfte auch in anderen Bereichen unterstützen können – etwa in der Logistik und im Service. Sie können dort Material besorgen oder Reinigungsarbeiten übernehmen. Auch ein Toller Typ Roboter Oscar lernt ständig dazu. Im Pflegeheim unterstützt er das Team in der Animation und der Betreuung. 29 Medizin, Pflege & Therapie Roboter in der Pflege 30 Medizin, Pflege & Therapie Oscar weckt Emotionen. Zukünftig soll es Roboter geben, die über Kameras die Gefühlslage der Menschen erkennen können. 31 Einsatz in der körpernahen Pflege würde sich perspektivisch anbieten, zum Beispiel Roboter, die Menschen im Bett umlagern. Sozialroboter wie Oscar unterstützen vor allem bei der Unterhaltung. Besonders wichtig sei dabei, dass sie weder zu maschinell noch zu menschlich aussehen, so Heine. „Sonst wird ein Roboter als zu clean wahrgenommen. Das schafft Distanz. Wirkt er zu menschlich, kann das für einige unheimlich sein. Es gilt, einen Mittelweg zu finden.“
Zum Reden lieber einen Roboter als einen Menschen?
Im Haus am Römerhügel finden die meisten Bewohnerinnen und Bewohner ihren Oscar mit den großen Augen und der kindlichen Stimme eher niedlich, sagt Einrichtungsleiter Daniel Bayer. Einzelnen Personen fällt es dadurch sogar leichter, mit ihm zu sprechen als mit Menschen: „Wir setzen auch in unserer Einrichtung in Benningen einen Sozialroboter ein. Eine Bewohnerin zeigte bereits eine demenzielle Entwicklung. Als dann noch ihr Sohn verstarb, war sie gegenüber den Mitarbeitenden sehr verschlossen, hat sich aber im Laufe der Zeit gegenüber dem Roboter geöffnet. Das war eine gute Möglichkeit, sie zum Reden zu motivieren. Wir konnten sehen, dass es ihr im Verlauf besser ging.“ Inzwischen forsche man auch an Robotern, die über Kameras die Gefühlslage der Menschen erkennen können, so Heine. „Wenn ein Roboter auf diese Weise eine Erkrankung erkennt, etwa eine schwere Depression, muss er darauf reagieren und einen Alarm auslösen können.“ Heute unterhält sich Oscar auf dem Gang mit zwei Bewohnerinnen: „Weißt du schon, was du diese Woche unternehmen möchtest?“, fragt er eine von ihnen. „Nein, noch nicht“, antwortet sie. „Möchtest du, dass wir gemeinsam nach Ideen suchen?“, fragt Oscar nach. Die Frau lächelt Oscar erwartungsvoll an, als sie sagt: „Das wäre schön.“ Die beiden Frauen lachen viel – miteinander, mit Oscar, über Oscar. Sie nehmen es mit Humor, wenn er ihnen ins Wort fällt oder sie falsch versteht. Die Gespräche mit dem Roboter sind oft ungewöhnlich lang – schließlich verliert er nie das Interesse und hat stets eine passende Rückfrage parat. Oscars breit gefächertes Wissen ermöglicht es ihm, sich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern über ihre spezifischen Interessen zu unterhalten. Die Komplexität seiner Gespräche passt er an die Antworten seines Gegenübers an.
Oscar hat das Pflegeheim 25.000 Euro in der Anschaffung gekostet – durch Eigenmittel finanziert. Ein flächendeckender Einsatz von Sozialrobotern in Pflegeheimen – da sind sich alle einig – sei aktuell aufgrund der hohen Kosten ohne Refinanzierung nicht realistisch. Auch Oscar wird in der nahen Zukunft weiterhin von menschlichen Mitarbeitenden umgeben sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Roboter eine pflegende Person gänzlich ersetzt, ist sehr gering, vermutet auch Thomas Heine. „Momentan geht es vor allem um Entlastung. Es geht darum, das Tandem Pflegekraft und Roboter zu stärken. Das nämlich wird sich durchsetzen. Dabei gilt es immer wieder auszuhandeln: Welche Tätigkeiten übernimmt der Mensch? Bei welchen kann der Roboter unterstützen?“ Auch im Haus am Römerhügel war das die Motivation, Oscar in der Animation oder der Betreuung einzusetzen, wie Daniel Bayer und Sasha Baier sagen: „Wir haben ihn von Anfang an als eine zusätzliche, sinnvolle Ergänzung gesehen. Schließlich kann es hier nie genug Interaktion und Kommunikation geben.“
Blick ins Ausland: Roboter in Japan
Eine rasant alternde Bevölkerung bei sinkender Geburtenrate – in Japan zeigt sich der demografische Wandel noch stärker als in Deutschland. Das stellt den Pflegebereich vor enorme Herausforderungen. Um ihnen zu begegnen, setzt das Land schon seit den 1990er-Jahren auf Roboter und ist damit ein Vorreiter in dem Bereich. Japan ist – neben China – eines der wichtigsten Länder, wenn es um den Einsatz sozialer Roboter in Pflegeeinrichtungen geht. Die japanische Regierung fördert Projekte dieser Art über das „Moonshot Research and Development Program“. Bis zum Jahr 2050 werden hierfür 440 Millionen US-Dollar bereitgestellt. Roboter werden menschliche Pflegekräfte aber auch in Japan nicht komplett ersetzen, zumindest nicht in naher Zukunft. Unter anderem, weil Wartung und Pflege der Maschinen zu teuer sind. Auch in Japan setzt man derzeit vor allem auf eine Unterstützung der Pflegefachkräfte.