Tiergestützte Therapie

Spielerisch den Schmerz vergessen

In der Klinik Oberammergau haben zwei Frauen eine tiergestützte Therapie für Menschen mit chronifizierten Schmerzen entwickelt. Therapiehündin Fay scheint das zu gefallen. Wir haben sie zur Gruppentherapie begleitet.

Fay sitzt brav auf dem Parkettboden und beobachtet die ersten Schneeflocken vor dem Fenster, die am Nachmittag über der Klinik Oberammergau vom Novemberhimmel fallen. Dr. Anja Heuckeroth, Chefärztin für Anästhesie und Schmerztherapie, erzählt derweil einer kleinen Gruppe Schmerzpatientinnen und -patienten, wie ihre erste tiergestützte Therapiestunde ablaufen wird. Dann beginnt die Arbeit für Fay, der sechsjährigen Australian-Shepherd-Hündin von Dr. Heuckeroth. Fay ist eine ausgebildete Therapiehündin für eine Methode, wie es sie bislang ausschließlich im Haus der Waldburg-Zeil Kliniken in Oberammergau gibt. Dr. Heuckeroth und die leitende Psychologin Helga Wittemann haben ein Konzept für tiergestützte Therapie entwickelt, das Menschen mit chronifizierten Schmerzen hilft. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Arbeit in der Gruppe, Fay kann jedoch auch im psychotherapeutischen Einzelgespräch mit eingesetzt werden.

Vorreiterinnen in der Schmerztherapie 

Dann wird der Tisch weggeschoben für die Kennenlernrunde: Ein Patient wirft einem anderen Fays Futterbeutel zu, und wer den Futterbeutel hat, darf Fay zu sich rufen, sie streicheln und mit einem Leckerli füttern. Fay lässt sich das gern gefallen. Einer Patientin gibt Fay sogar Pfötchen. Die Patientin ist gerührt von dieser Geste. Bei einer anderen Frau in der Runde wirft sich Fay auf den Rücken, streckt ihre Pfoten von sich und will am Bauch gekrault werden. Mehr Körpersprache geht kaum. Dr. Heuckeroth hat Fay dabei immer im Blick – und ihre Kollegin Helga Wittemann die Patientinnen und Patienten.

Tiergestützte Therapie gibt es mit verschiedenen Tieren – von Hund, Pferd, Esel und Schaf über Huhn und Lama bis zum Schwein. Eingesetzt wird sie in der Demenzarbeit, bei Menschen mit Lähmungen und bei psychischen Erkrankungen. „In der Schmerztherapie gab es sie bisher nicht. Da sind wir Vorreiterinnen“, sagt Dr. Heuckeroth. „Schmerz steht für ganz viel und hat teilweise mit Gewalterfahrungen, Depressionen oder anderen Beschwerden zu tun. Bei der tiergestützten Arbeit geht es darum, an eigene Emotionen zu kommen. Körper und Geist sind nicht zu trennen.“ Der Hund sei ein Türöffner für tiefer liegende Gefühle und helfe, klare Kommunikation zu üben. Schmerz werde zudem gelindert, indem der Fokus auf etwas anderes gelegt wird. „Natürlich werden chronifizierte Schmerzen körperlich empfunden. Wem es zudem psychisch schlecht geht, empfindet auch Schmerzen schlimmer. Schmerz wegzaubern funktioniert nicht, aber man kann herausfinden, wie man damit umgeht, damit er erträglich ist. Dabei kann der Hund behilflich sein.“

Ein Hund versteht vor allem klare Körpersprache – und viele Patientinnen und Patienten mit Schmerzen haben Schwierigkeiten, für sich einzustehen und verstanden zu werden. „Wenn Frauen Nein sagen, wird das oft nicht akzeptiert und verstanden, weil sie nicht klar genug kommunizieren“, sagt Dr. Heuckeroth. „Das kann man mit dem Hund super üben.“ Wer von Fay etwas möchte, muss das wirklich wollen und unmissverständlich ausdrücken. Das zeigt sich bei der nächsten Übung, bei der alle nacheinander Fay einmal durch einen Parcours führen dürfen: zwei Hürden, über die Fay springen, und ein Tunnel, durch den sie laufen soll. Fay weiß ganz genau, dass es bei jeder geglückten Runde ein Leckerli gibt. Das motiviert sie. Einmal springt sie elegant mit dem Hinterteil seitlich über ein Hindernis und bringt alle zum Schmunzeln. Alle aus der Gruppe schaffen es, Fay die notwendigen Anweisungen zu geben. Nur einmal bellt Fay auf, als wollte sie sagen: „Na, was nun? Was soll ich tun, Mensch?“ Die Anweisung war nicht klar genug, wie Fay zum Ausdruck bringt.

Drei Therapiestunden in drei Wochen 

„Die Auseinandersetzung mit dem Hund ist eine Selbsterfahrung, die Betroffene gern machen, weil Tiere einen besonderen Stellenwert haben“, sagt die Chefärztin und verweist auf den Begriff der Biophilie: Menschen brauchen Natur und Tiere, um zu existieren. „Früher war der Umgang mit Tieren notwendig, um zu überleben. Das ist verankert in unseren Gehirnen. Deswegen können und wollen wir in Kontakt treten mit diesen Lebewesen.“ So ein Hund gehe zudem in der Regel kritiklos auf. Menschen zu, findet eine Person weder dick noch hässlich. Das tue gut, weil Menschen selbst häufig dazu neigen, sich zu verurteilen und zu vermuten, dass andere Leute sie auch nicht gut finden. 

Das Konzept der beiden Frauen sieht insgesamt drei tiergestützte Therapiestunden innerhalb der drei Wochen vor, in denen die Patientinnen und Patienten stationär untergebracht sind. Alle werden am ersten Ambulanztag gefragt, ob sie Hunde mögen und Lust auf eine Teilnahme haben – und das sind deutlich mehr, als es Plätze in der Gruppe gibt. „Fay ist natürlich gut erzogen und hat ihre Prüfungen gemacht“, sagt Dr. Heuckeroth. „So ist sichergestellt, dass keine Verletzungsgefahr besteht, und ich bin die ganze Zeit dabei. Fay ist so trainiert, dass sie Abstand hält, wenn man das deutlich macht.“ Die Chefärztin gibt umgekehrt aber auch Hinweise, was für Hunde unhöflich ist: dass man ihnen nicht in die Augen starrt, nicht von oben auf den Kopf patscht und dass man respektieren muss, wenn sich der Hund zurückzieht und seine Ruhe will. Niemand darf Fay festhalten. Fay wird auch nicht an der Leine geführt. Alles beruht auf Freiwilligkeit auf beiden Seiten.

Fay ist ein Australian Shepherd. „Diese Hunderasse ist nicht unbedingt geeignet als Therapiehund, aber sie lernt schnell“, sagt Chefärztin Dr. Heuckeroth. „Fay ist sehr menschenfreundlich und arbeitet gern. Diese Voraussetzungen sind aber unabhängig von der Hunderasse.“ Die Ausbildung eines Therapiehunds ist umfangreich: Je nach Anbieter erstreckt sie sich oft über Jahre und kostet mehrere Tausend Euro. 

Angebot in der Heimat statt eigenen Hund 

Sich selbst einen Hund anzuschaffen, ist kein Allheilmittel. „In der Therapie geht es um die Selbsterfahrung: Ich lerne etwas über mich; das Tier ist nur ein Hilfsmittel“, sagt Dr. Heuckeroth. Auch Sozialtherapeutin Isabel Wagner von den Fachkliniken Wangen rät vom Hundekauf zu Selbsttherapiezwecken ab. Sie arbeitet mit ihrer Hündin Luna in der Kinder- und Jugend-Reha. „Viele Eltern wollen die Erfahrung der Klinik im Alltag einbinden und denken über die Anschaffung eines Tieres nach. Wenn die Therapie einen positiven Effekt hatte, würde ich aber eher eine tiergestützte Therapie in der Heimat suchen. Andernfalls muss es nicht gleich ein Hund sein. Auch zu einem Meerschweinchen kann man eine Verbindung aufbauen und lernen, Verantwortung zu übernehmen.“ Am Ende der Schmerztherapiestunde in Oberammergau wirkt die Runde gelöst. „Ich war so abgelenkt, dass ich keine Schmerzen gespürt habe“, sagt ein Herr in der Runde. Eine Patientin ergänzt: „Es war sehr schön! Es tat mir gut. Ich grinse immer noch.“ Psychologin Helga Wittemann ist zufrieden mit dem Ergebnis. „Die Ablenkung und die Konzentration auf den Hund machen Schmerzen vergessen. Der Hund zwingt dazu, im Augenblick zu sein“, sagt sie und deutet auf einen älteren Herrn aus der Runde, der sich zum Abschied zu Fay niederkniet. „Plötzlich klappt das Knien und Bücken, um den Hund zu streicheln – es ist das Spielerische, das oft hilft.“