Zurück auf den Beinen
„Ich mache weiter“
Ursel Kaiser kämpfte sich aus ihrer Bettlägerigkeit heraus und holte sich während einer Reha ihre Bewegungsfreiheit im Alltag zurück: die Erfolgsgeschichte einer 83- jährigen Frau.
Der Weg zu ihrem Liebsten misst nur wenige Fußschritte. Trotzdem blieb er Ursel Kaiser zuletzt verwehrt, weil sie nicht mehr gehen konnte. Das Paar trennt im Seniorenzentrum nur eine Zimmerwand. Doch die 83-Jährige hatte Glück. Wenn sie ihren 96-jährigen Lebensgefährten heute besuchen möchte, geht sie einfach mit ihrem Rollator zu ihm hinüber. Und wenn sie Lust hat, dreht sie noch eine Runde durchs Haus und ums Haus herum. „Insgesamt bin ich täglich etwa eine Stunde auf den Beinen“, sagt sie stolz.



2024 sah das noch ganz anders aus: Liegend kam die ehemalige Alten- und Krankenpflegerin aus Aachen in die Rehabilitationsklinik Bad Wurzach – mit verschleißbedingten Wirbelkanalverengungen sowie Versteifungen vom Hinterhaupt bis zum Kreuzbein. Zu sitzen oder zu stehen war für sie nicht mehr möglich. Bis dahin hatte sie ein normales Leben geführt, kochte selbst und kaufte selbst ein. Rückenschmerzen hatte sie schon immer. Dann wurde eine Wirbelkanalverengung mit Wirbelsäuleninstabilität diagnostiziert. Diese verengt die Löcher zwischen den Wirbelkörpern, durch welche die Nerven zu Armen und Beinen austreten. Nach einer Operation im April 2024, bei der ihre Wirbelsäule per Schrauben-Stangen-System stabilisiert wurde, konnte sie mit Schmerzen noch am Rollator gehen. Im Mai und im September 2024 erfolgten zwei weitere Operationen, weil nichts mehr ging. „Meine Tochter organisierte dann Plätze im Seniorenzentrum für mich und meinen Lebenspartner.“ Seitdem leben sie Zimmer an Zimmer. Und Ursel Kaiser hatte ein Ziel vor Augen, das ihr Kraft, Mut und Ausdauer spendete: „Ich habe ja meinen Lebenspartner. Ihm habe ich immer versprochen, dass ich für ihn da bin.“ Ursel Kaisers Facharzt in Aachen legte ihr eine Reha nahe, doch kein Haus wollte sie aufnehmen. „Wir haben bestimmt ein Dutzend Rehas angefragt, aber wegen meiner Pflegestufe vier habe ich nur Absagen erhalten. Ich habe mich sehr schlecht gefühlt, konnte nicht laufen und war verzweifelt.“ Aber die Rehabilitationsklinik Bad Wurzach nahm sie auf. Fünf Monate später verließ sie die Klinik am Rollator und auf eigenen Beinen.
Dr. Martin Schorl, seit 2021 Chefarzt der Neurologie, erinnert sich gut: „Frau Kaiser ist sicherlich zu dem Zeitpunkt ein herausfordernder Fall gewesen, weil sie immobil und übergewichtig war, im Bett lag und nicht gehen konnte. Doch es gab für uns keinen Grund, warum sie funktionell dauerhaft so schlecht dran sein sollte.“ Ein glücklicher Zufall, dass der Anruf der Hausarztpraxis direkt zu ihm durchgedrungen war. Wäre die Anfrage über den normalen Weg gelaufen, also über die Krankenkasse, wäre diese vermutlich in einer Orthopädie gelandet, wo Ursel Kaiser nicht hinpasst – und wäre wohl weiterhin abgelehnt worden. Auch sei es nicht die Regel, dass Krankenkassen jemanden so weit weg in die Reha schicken und einen so langen Aufenthalt finanzieren. „Es gibt tausend Fallstricke im System, die im Zweifel dazu führen, dass Menschen nicht das bekommen, was gut für sie wäre und ihnen auch zusteht. Frau Kaiser hatte Glück.“
Orthopädie oder Neurologie?
Die 83-Jährige wäre beinahe durch die Lücken des Systems gefallen, weil ihre Erkrankung im Grenzgebiet zwischen Orthopädie und Neurologie liegt. „In den meisten Kliniken wird so was orthopädisch behandelt, wenn keine größeren neurologischen Ausfälle im Sinne von Lähmungen vorliegen“, sagt Dr. Schorl. „Das ist die Logik der Kostenträger, auch ist eine orthopädische Reha günstiger.“ Wenn aber Patientinnen und Patienten von ihrem Allgemeinzustand und ihren Beschwerden her relativ schwer betroffen seien, könnten orthopädische Kliniken den hohen Pflegeaufwand nicht leisten. „Es werden weniger Pflegekräfte in der Orthopädie benötigt, weil sich alle Patientinnen und Patienten in der Regel selbstständig waschen und fortbewegen können. Sobald jemand mehr Betreuung braucht, sprengt das dann oft schon den Personalschlüssel“, sagt er. „Aber wir gehören zu den neurologischen Einrichtungen, die versuchen, für alle das Beste rauszuholen. Wir fühlen uns den Patientinnen und Patienten verpflichtet.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Kliniken bietet die Rehabilitationsklinik Bad Wurzach mit einem Gangroboter auch eine Ausstattung, mit der sie Menschen mit Gewichtsentlastung und Standmobilisierung laufen lassen kann. Ohne diesen brauchen Patientinnen und Patienten wie Ursel Kaiser sehr lange, bis sie Kraft aufgebaut haben, um allein stehen und gehen zu können.






Schrauben im Körper können sich lockern und Komplikationen verursachen wie bei Ursel Kaiser vor der Reha. Erschwerend hinzugekommen waren bei ihr eine Fraktur des elften Brustwirbelkörpers und Osteoporose. „Brustwirbelkörperfrakturen können bei Osteoporose auch ohne Sturz oder Autounfall einfach beim Husten entstehen“, sagt Dr. Schorl. Er verordnete: rumpfaufbauende Sitzgruppe, Stehgruppen, gerätegestützten Aufbau der Rückenmuskulatur, Gangrobotik, Gleichgewichtstraining, Stromtherapie, Ergotherapie, Entspannungstherapie, Einzelphysiotherapie, Lymphdrainage, manuelle Therapie. Ursel Kaiser musste ihre Rückenmuskulatur kräftigen, um ihren Gang aufzurichten. So lernte sie, ihre Oberarme auf den Rollator aufzulegen und Gewicht abzugeben. Physiotherapeut Mario Martinovic kümmerte sich in der Rehaklinik Bad Wurzach um Ursel Kaiser. Er kam vor elf Jahren aus Kroatien nach Deutschland, arbeitet seit 2019 in der Klinik und hat ein sonniges Gemüt. „Ich liebe meinen Beruf und mag es, wenn Patientinnen und Patienten Fortschritte machen. Ihre Freude gibt mir die Kraft, weiterzumachen.“ Das hat auch bei Ursel Kaiser funktioniert. Anfangs konnte sie weder sitzen noch stehen. „Wir haben erst mal den Transfer vom Bett zum Rollstuhl geübt. Dann schrittweise das Aufstehen. Dann haben wir im Zimmer langsam das Gehen trainiert. Es hat gut geklappt, weil ihre Motivation enorm groß war“, sagt Mario Martinovic. Zwischen sechs und acht Anwendungen hatte sie täglich plus 30 Minuten Einzeltherapie viermal pro Woche. „Das hat sie alles durchgezogen. Mit Mut zusprechen ging es immer weiter. Man muss auch die kleinen Fortschritte schätzen.“
Wieder eigenständig mobil
Ohne diese Behandlung wäre Ursel Kaiser heute bettlägerig, meint die 83-Jährige selbst. „Ich war in der Laufmaschine, bin Treppen gestiegen, habe alles gemacht. Das war gut. Zwar kann ich noch nicht ganz aufrecht gehen, aber ich bin froh, dass ich mich bewegen und eigenständig mobil sein kann, mich selbst anziehen und duschen kann. Ich würde wieder in die Reha nach Bad Wurzach gehen.“ Chefarzt Dr. Schorl gibt sich bescheiden über seinen Behandlungserfolg. „Nobelpreisverdächtig ist dieser Verlauf nicht. Es war keine Wunderheilung. Aber wir kriegen mit Gangrobotik und dadurch einer höheren Therapie-Intensität oft auch jene Patientinnen und Patienten auf die Füße, die in anderen Kliniken schon als austherapiert entlassen worden sind.“ Ursel Kaiser behält ihr Training bei. „Ich mache jeden Tag 30 Minuten meine Übungen, und zweimal pro Woche kommt ein Therapeut, mit dem ich auch Treppensteigen übe. Manchmal habe ich Schmerzen in der rechten Hüfte, aber ohne das Training wäre nichts mehr möglich.“ Neulich sei sie sogar zum ersten Mal bei einem organisierten Spaziergang zu einem Weiher dabei gewesen. Zwischendurch, sagt sie, gehe sie auch kleine Strecken ohne Rollator, wenn sie sich irgendwo festhalten kann. Auch freihändig sei sie schon im Flur gesichtet und liebevoll mit „Sind Sie verrückt?!“ getadelt worden. „Ich bin sehr ehrgeizig, will immer mehr, als man schafft. Und ich will alles allein schaffen.“