Zwischen Breakdance und Klinik

Tanzend durch alle Veränderungen

Lyubomir Karakochev arbeitet als Oberarzt für Innere Medizin in der Argentalklinik in Isny-Neutrauchburg. Im Kindesalter lernte er erste Breakdance-Schritte. Seitdem hat er nie aufgehört, zu tanzen.

An einem Nachmittag in der vierten Klasse hat Lyubomir Karakochev mit Freunden auf einen freien Fußballplatz gewartet. „Um die Zeit zu überbrücken, hat ein Bekannter angeboten, uns am Straßenrand einige Breakdance-Schritte beizubringen“, erinnert sich der heutige Oberarzt. „Wir waren begeistert.“ Von diesem Tag an sind sie an vier bis fünf Abenden pro Woche in ein Jugendhaus gegangen, um dort zu tanzen. „Unsere Eltern hätten teure Sportkurse nicht bezahlen können, aber das Breakdance-Training war kostenlos, und wir brauchten keine spezielle Trainingskleidung.“ Sogar im Winter verbrachten sie dort, dick angezogen, viel Zeit – trotz Kälte. „Das hat uns nicht gestört – wir wollten einfach nur tanzen.“

Auch während seines Medizinstudiums blieb Breakdance ein wichtiger Teil seines Lebens. „Viele von uns haben schon gewusst, dass wir nicht in Bulgarien arbeiten möchten, denn die Ausbildungsund Arbeitsbedingungen dort sind schlecht. Wir wollten nach Deutschland.“ Zu dieser Zeit gehörte er mit seinem Zwillingsbruder zu einer Breakdance-Gruppe. „In unserer Freizeit haben wir auf belebten Straßen getanzt und damit Geld verdient – so konnten wir unsere Deutschkurse bezahlen. Wir sind auch viel gereist, um an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Es war eine schöne Zeit.“ Als Lyubomir Karakochev im Jahr 2014 schließlich nach Deutschland zog, spielte Breakdance zunächst eine Nebenrolle. Er konzentrierte sich auf die Suche nach einer Arbeit und wollte sich gut integrieren. „Hier unser Bestes zu geben, war wichtig, denn wir hatten nur wenig Ersparnisse. Anfangs lagen in meiner kleinen Wohnung nur zwei Koffer und eine Matratze.“

Die Familie ist die größte Motivation 

Heute ist Lyubomir Karakochev verheiratet und dreifacher Vater. Seine enge Wohnung ist einem Haus mit viel Platz gewichen – und er findet wieder Zeit zum Breakdancen. „Aber meistens tanze ich daheim – zweimal in der Woche“, sagt er. „Meine Kinder, meine Nichten und Neffen und ich machen jeden Freitag unsere eigene kleine Disco. Die Kinder wollen coole Bewegungen sehen und freuen sich, wenn ich ihnen Elemente zeigen kann.“ Seine Familie ist für ihn die größte Motivation.

Sogar an der Schule seiner Kinder hat er bereits einen Breakdance-Kurs gegeben. Er möchte Menschen mit seiner Begeisterung anstecken und zeigen: „Diesen Sport können wir überall machen – wir brauchen dafür nichts außer einem ebenen Boden.“ Manchmal, wenn er jemanden auf der Straße tanzen sieht, tanzt er einfach mit.

Auch im Beruf sieht er eine Verbindung zum Tanzen: In der Argentalklinik arbeitet Lyubomir Karakochev als Oberarzt für Innere Medizin und hat sich in den letzten Jahren zusätzlich in der konservativen Orthopädie, der Manuellen Medizin sowie der Schmerzmedizin selbstständig weitergebildet. „Dadurch habe ich verstanden, wie wichtig es ist, die Gelenke vor dem Sport vernünftig aufzuwärmen – um den Kreislauf anzuregen, beweglich zu bleiben und Krankheiten vorzubeugen.“ Wer beim Breakdance die Selbstdisziplin habe, sich zu dehnen und Muskeln aufzubauen, „der wird sich seltener verletzen und eine bessere Ausdauer entwickeln“. Was ihn an Breakdance fasziniert, ist das Spiel mit der Musik und sich ohne Worte auszudrücken. Und die völlige Freiheit: „Frei bestimmen zu können, wie die nächste Bewegung aussehen wird – aber dafür auch die Verantwortung zu tragen: Treffe ich eine falsche Entscheidung, kann ich mich schwer verletzen.“ Breakdance habe ihn außerdem gelehrt, mit Niederlagen umzugehen. „Oft gelingen Bewegungen nicht beim ersten Versuch. Dann hilft es, sie in viele kleine Teile zu zerlegen und diese immer wieder zu üben.“ Das lasse sich auch auf den Alltag übertragen: „Wenn uns etwas nicht direkt gelingt, können wir es immer wieder versuchen – Schritt für Schritt.“