Die Zukunft der deutschen Kliniken-Landschaft ist ein politischer Dauerbrenner, viele Häuser stehen wirtschaftlich unter enormem Druck. Wie ist die aktuelle Lage bei Ihnen?
Schneider: Wir haben bei den Waldburg-Zeil Kliniken die Gewissheit, dass die Nachfrage höher ist als das Angebot. Die Wartezeiten, die Patienten in Kauf nehmen müssen, werden länger. Bundesweit hat jedoch das große Kliniksterben begonnen. Ein Problem ist, dass es immer mehr Auflagen gibt. Beispielsweise, was Dokumentationspflichten oder die Vorhaltung von Ärzten betrifft. Dadurch entstehen mehr Kosten, die wir jedoch immer weniger finanziert bekommen. Jede Reform dient nur der Schikane und erhöht die Kosten für die Betreiber. Reha-Einrichtungen können noch Geld verdienen, bei Krankenhäusern ist häufig nur die Frage, ob das Defizit größer oder kleiner ausfällt. Zudem sind Tariferhöhungen viel höher als Krankenkassen oder Rentenversicherung üblicherweise bezahlen. Für uns bedeutet das, dass wir auf manche Investition verzichten oder sie zumindest verschieben. Wir verwalten nur noch und gestalten nicht mehr.
Schlott: Die deutsche Krankenhaus-Gesellschaft hat analysiert, dass Ärzte und Pfleger drei Stunden pro Tag mit Bürokratie verbringen. Wenn wir uns die Hälfte davon sparen könnten, hätten wir so manches Personalproblem sofort gelöst.
Ruland: Im Allgäuer Klinikverbund haben wir den Vorteil, dass wir schon vor einiger Zeit begonnen haben, Schwerpunkte zu setzen und unsere Häuser zu spezialisieren. Wir erleben zudem, dass immer mehr Menschen ambulant behandelt werden, das ist auch politisch gewollt. Das ist für uns eine wirtschaftliche Herausforderung, weil die Vergütung geringer ist. Was die Bürokratie betrifft: Hier gibt es keinen Abbau, ich bin schon froh, wenn es nicht noch schlimmer wird. Wir leben in einer gewissen Misstrauenskultur, das ist aus meiner Sicht ein Hauptproblem. Ein Großteil der Daten, die wir produzieren, wird dokumentiert, ohne dass der Patient unmittelbar davon profitiert. Man kann nicht für alle Häuser neue Regeln erlassen, nur weil einzelne Fälle Probleme verursacht haben. Wir brauchen eine leistungsfähige Ausrichtung des Gesundheitswesens und mehr Pragmatismus. Das würde auch spürbar Kosten sparen.
Woran fehlt es neben der überbordenden Bürokratie noch, um das Gesundheitswesen leistungsfähiger zu machen?
Ruland: Ein Grundproblem ist, dass der stationäre und ambulante Bereich nicht ausreichend miteinander verzahnt sind. Jeder Bereich arbeitet oft noch zu stark für sich. Das geht seit Jahrzehnten so, trotz aller gegenteiliger Beteuerungen. Es braucht eine bessere Steuerungshilfe für Patienten, um sich zwischen den einzelnen Bereichen bewegen zu können. Ansonsten ist man als kranker Mensch schnell verloren.
Dann stellt sich ja die Frage, wo es überhaupt einen Ausweg gibt, um die Lage zu verbessern.
Ruland: Wenn man Jahrzehnte lang in eine Richtung marschiert, dann muss der Zug erst einmal angehalten werden, bevor er umdrehen kann. Derzeit sind wir gesundheitspolitisch in vielen Bereichen aus meiner Sicht noch nicht auf dem richtigen Weg. Durch die vielen Vorgaben ist das System so teuer geworden, dass uns an vielen Stellen das Geld fehlt. Man muss bereit sein, einen wirklich neuen Weg zu gehen und nicht nur Dinge zu modifizieren. Zwei, drei Schrauben zu drehen, wird nicht reichen. Wir haben den Pragmatismus verloren, der einfach nötig ist.
Schlott: Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wird in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht zu steigenden Steuereinnahmen führen. Dennoch steigen wegen der demographischen Entwicklung die Kosten im Gesundheitswesen. Der Druck wird höchstwahrscheinlich irgendwann so groß werden, dass sich etwas tut. Vielleicht sind das ja Patienten, die sich wegen langer Wartezeiten öffentlich noch deutlicher beschweren. Wir Klinikbetreiber sind bereit, die Problemstellungen zu lösen, man muss ihnen dazu aber die notwendige unternehmerische Freiheit lassen und nicht alles bürokratisch überregulieren.
Schneider: Gemessen werden muss doch, wie das Ergebnis unserer Arbeit für den Patienten ausfällt. Und nicht, ob man irgendwelche strukturellen Vorgaben erfüllt. Der Träger kann doch selbstständig arbeiten. Und wenn er Qualitätsmängel hat oder es nachgewiesene Behandlungsfehler gibt, dann kann man anlassbezogen handeln. Aber nicht präventiv alles kontrollieren, was sich bewegt. Das hemmt nur.
Sie sprachen eben davon, dass Entscheidungen getroffen werden müssen. Heißt das auch, Kliniken zu schließen, die nicht mehr unbedingt notwendig sind?
Ruland: Es besteht wohl Einigkeit darüber, dass wir in Deutschland strukturell zu viele Kliniken haben. Derzeit läuft dieser Abbau vielfach über Insolvenzen. Das wird sich nach Einschätzung der deutschen Krankenhaus-Gesellschaft in den nächsten Jahren wahrscheinlich fortsetzen. Dabei ist es allerdings auch für Klinik-Träger wichtig, ihre Hausaufgaben zu machen. Wenn es irgendwo zwei, drei Krankenhäuser zu viel gibt, kann man seine Kritik nicht nur nach Berlin richten. Bei diesem Themenkomplex stellt sich auch die Frage, wie stark der Freistaat Bayern in die Krankenhaus-Planung eingreift.
In Memmingen wird derzeit ein neues Krankenhaus für weit über 400 Millionen Euro gebaut. Verändert dieses Projekt die Klinik-Landschaft im Allgäu?
Ruland: Nein, davon gehe ich nicht aus. Für Memmingen ist das eine gute Entwicklung, dort ist die bauliche Situation derzeit nicht ideal. Auch in Kempten werden übrigens 100 Millionen Euro in den nächsten sechs, sieben Jahren investiert. Die Zusammenarbeit unter den Krankenhäusern in der Region läuft gut. Erst kürzlich haben der Klinikverbund und die Kliniken Kaufbeuren-Ostallgäu eine Kooperation beschlossen. Wir müssen in der Region enger zusammen arbeiten und sind darüber auch regelmäßig mit Memmingen im Gespräch. Es hat keinen Sinn, überall alles vorzuhalten.
Schneider: Dazu noch eine grundsätzliche Bemerkung: Bei Gesprächen über eine Zusammenarbeit ist es wichtig, wirklich fachliche Entscheidungen zu treffen und nicht nur deshalb irgendwo etwas vorzuhalten, weil es politisch gewollt ist. Einfach die Praktiker fragen. Der Allgäuer Klinikverbund ist hier eines von wenigen positiven Beispielen.
Wie gut ist das Allgäu insgesamt medizinisch versorgt? Gibt es eine Disziplin, in der wir Nachholbedarf haben?
Ruland: Bei der Herzchirurgie sind wir nicht so gut aufgestellt wie andere Regionen in Bayern. In diesem Fall muss der Patient nach Ulm oder Augsburg fahren. Was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Kooperation mit Augsburg. Wir haben insgesamt eine gute medizinische Versorgung im Allgäu, aber wir können auch nicht alles auf dem höchsten Standard anbieten.
Wagen Sie mal einen Blick in die Zukunft: Wie wird die Krankenhaus-Landschaft in zehn Jahren aussehen?
Schlott: Wir werden weniger Betten haben, weil der ambulante Bereich wächst. Und wir werden aufgrund der demographischen Entwicklung mehr ältere Patienten mit komplexeren Krankheitsbildern haben. Ich hoffe, dass wir in Deutschland dann noch eine funktionierende Struktur haben und Akutkliniken wieder mehr Investitionen aus eigenen Mitteln stemmen können. Dass also wieder eine vernünftige wirtschaftliche Situation herrscht. Aber wir müssen fundamental an die Kernprobleme ran und wieder pragmatischer werden. Eines darf man nicht vergessen: Wir haben wertvolle und tolle Berufe im Gesundheitswesen. Die Menschen, die hier arbeiten, verdienen gut und bekommen auch viel zurück.
Schneider: Ich mache mal einen Vergleich mit Neuseeland. Dort hat man sich getraut, die staatlichen Subventionen zu streichen. Dann ist die Wirtschaft eineinhalb Jahre lang eingeknickt und dann ist genau das passiert, was man für Gesundheitsberufe braucht: Man bekommt die Motivation zu sagen, ich mache es so, wie ich es gelernt habe. Dann läuft eine Station anders, aber erfolgreich für die Patienten. Und diese Patienten sollten nicht alles mit sich machen lassen, sondern eine klare Meinung äußern. Dann würde im Gesundheitswesen eine Entwicklung stattfinden. Und die jungen Kollegen im Management sollten nicht jede bürokratische Vorschrift umsetzen. Dann läuft sich die Bürokratie irgendwann von selbst tot.
Interview: Helmut Kustermann und Markus Raffler
Quelle: Allgäuer Zeitung
Foto: Ralf Lienert
Zur Person
Ellio Schneider ist Geschäftsführer der Waldburg-Zeil Kliniken mit der Zentrale in Isny-Neutrauchburg. Das Unternehmen beschäftigt 3500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Dr. Quirin Schlott arbeitet bei den Waldburg-Zeil Kliniken als Kaufmännischer Direktor und Prokurist.
Andreas Ruland ist Geschäftsführer des Allgäuer Klinikverbundes, in dem etwa 4300 Menschen arbeiten.


